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Ratgeber

Pflegegrad beantragen: Der Leitfaden für Angehörige

Welche Schritte zum richtigen Pflegegrad führen, was beim MD-Termin zählt und wie Sie sich entspannt vorbereiten.

SB
Susanna Bauer
Pflegedienstleitung
·12. Mai 2026· 8 min Lesezeit

Wenn der Vater nach einem Krankenhausaufenthalt nicht mehr alleine duschen kann oder die Mutter zunehmend vergesslich wird, kommt irgendwann der Punkt, an dem Pflege organisiert werden muss. Der erste Schritt führt fast immer zum Pflegegrad. Wer das System einmal verstanden hat, kommt entspannt durch — wir erklären in diesem Leitfaden, wie es geht.

Was ist der Pflegegrad überhaupt?

Der Pflegegrad ist die offizielle Einstufung der Pflegebedürftigkeit nach SGB XI. Er reicht von 1 (geringe Beeinträchtigung) bis 5 (schwerste Beeinträchtigung mit besonderen Anforderungen). Vom Pflegegrad hängt ab, welche Leistungen die Pflegekasse übernimmt — von 131 € Entlastungsleistung pro Monat (alle Pflegegrade) bis zu 2.299 € Sachleistung bei Pflegegrad 5.

Wichtig: Auch Pflegegrad 1 bringt schon 131 € Entlastung pro Monat. Viele lassen das ungenutzt liegen.

Schritt 1 — Antrag stellen

Der Antrag geht an die Pflegekasse Ihres Angehörigen — also an die Pflegekasse der jeweiligen Krankenkasse (z. B. „Pflegekasse bei der AOK Hessen"). Ein formloser Anruf reicht; die Kasse schickt dann das Antragsformular zu. Wichtig: Das Datum des Anrufs zählt als Antragsdatum. Notieren Sie es. Leistungen werden rückwirkend ab Antragsmonat gezahlt.

Den Antrag stellt grundsätzlich die pflegebedürftige Person selbst. Wenn das nicht mehr möglich ist, übernimmt das eine bevollmächtigte Person (Vorsorgevollmacht, Betreuung). Beim Ausfüllen helfen wir gerne — kostenfrei.

Schritt 2 — Pflegetagebuch führen

Zwischen Antrag und MD-Termin (Medizinischer Dienst) liegen meist 4–8 Wochen. Diese Zeit ist Gold wert. Führen Sie ein Pflegetagebuch über zwei Wochen. Notieren Sie täglich:

  • Welche alltäglichen Tätigkeiten (Waschen, Anziehen, Essen, Toilette) sind selbstständig möglich, welche brauchen Hilfe?
  • Wie lange dauern Tätigkeiten, die früher selbstverständlich waren?
  • Wann ist die Person desorientiert, agitiert, ängstlich?
  • Gibt es nachts Aufstehen, Stürze, Unruhe?
  • Welche Medikamente werden wann gegeben — und wer erinnert daran?

:::callout Tipp aus der Praxis Wir geben unseren Klient:innen ein vorgedrucktes Pflegetagebuch mit. Es ist nach den 6 Modulen der MD-Begutachtung gegliedert — so geht beim Gespräch nichts unter. Schreiben Sie uns, wir schicken Ihnen kostenfrei ein Exemplar. :::

Schritt 3 — Der MD-Termin

Eine Gutachterin oder ein Gutachter des Medizinischen Dienstes kommt nach Hause. Der Termin dauert 45–90 Minuten. Bewertet werden sechs Module mit unterschiedlicher Gewichtung:

  1. Mobilität (10 %) — Aufstehen, Treppensteigen, Fortbewegung
  2. Kognition und Kommunikation (15 %) — Orientierung, Erinnern, Sprechen
  3. Verhalten und psychische Problemlagen (15 %) — Unruhe, Aggression, Ängste
  4. Selbstversorgung (40 %) — Waschen, Essen, Anziehen, Toilette
  5. Krankheits- und therapiebezogene Anforderungen (20 %) — Medikamente, Wundpflege, Arztbesuche
  6. Alltagsgestaltung und soziale Kontakte (15 %) — Tagesablauf, Beschäftigung

Achtung: Modul 5 wird intern noch mal mit den anderen gewichtet — am Ende fließen also nur 5 von 6 Modulen in die Punktzahl ein. Wer das nicht weiß, wundert sich.

Das größte Missverständnis: „Heute geht's mir gut, ich will nicht jammern." Die Gutachter:innen sehen einen Moment. Sie müssen den schlechtesten typischen Tag sehen.

Schritt 4 — Sich richtig vorbereiten

Drei einfache Regeln, die wir aus Hunderten von Begutachtungen gelernt haben:

  • Ehrlich sein, nicht stolz. Niemand schämt sich, dass er Hilfe braucht. Aber viele bemühen sich, selbstständiger zu wirken als sie sind. Die Folge: zu niedriger Pflegegrad.
  • Konkret werden, nicht abstrakt. Statt „Es geht so" lieber „Ich brauche jeden Morgen 30 Minuten, um geduscht und angezogen zu sein. Ohne meine Tochter würde ich es nicht schaffen."
  • Angehörige sind dabei. Wer den Alltag sieht, kann ergänzen, was die pflegebedürftige Person selbst nicht erwähnt. Das ist kein Hintergehen — das ist Wahrheit.

Schritt 5 — Der Bescheid kommt

5–6 Wochen nach dem Termin kommt der Bescheid mit der Einstufung. Falls Sie unzufrieden sind: Sie haben einen Monat Zeit, Widerspruch einzulegen. Etwa jeder dritte Widerspruch führt zu einer Höherstufung — also: nicht zögern, wenn Sie das Gefühl haben, dass die Einstufung nicht stimmt.

Welche Leistungen jetzt zur Verfügung stehen

Mit dem Pflegegrad öffnet sich eine ganze Werkzeugkiste an Leistungen:

  • Pflegesachleistung — Wir kommen und versorgen, abgerechnet direkt mit der Kasse.
  • Pflegegeld — Wenn Angehörige zu Hause pflegen, gibt es Geld direkt aufs Konto.
  • Kombinationsleistung — Mischen Sie Pflegesachleistung mit Pflegegeld, ganz nach Bedarf.
  • Entlastungsbetrag §45b — 131 € pro Monat für Haushaltshilfe, Betreuung, Tagespflege.
  • Verhinderungspflege — Bis zu 3.539 € pro Jahr für Urlaubsvertretung der pflegenden Angehörigen.
  • Pflegehilfsmittel — 42 € pro Monat für Verbrauchshilfsmittel wie Handschuhe, Desinfektionsmittel, Bettschutzauflagen.

:::callout Was wir konkret tun Wir begleiten unsere Klient:innen vom ersten Anruf bei der Kasse bis zum Bescheid. Die Erstberatung ist unverbindlich und wird ab Pflegegrad 1 mit den Pflegekassen abgerechnet — auch wenn Sie sich später für einen anderen Pflegedienst entscheiden. Rufen Sie uns einfach an: 06151 3026004. :::

Häufige Stolperfallen

Drei Dinge, die immer wieder schiefgehen — und an denen wir Sie gerne vorbeilotsen:

  • Antrag zu spät. Stellen Sie den Antrag, sobald Sie merken, dass Hilfe nötig ist. Sie können ihn auch wieder zurücknehmen.
  • Falscher Antragsweg bei Privatversicherten. Hier geht's an die MEDICPROOF GmbH, nicht den MD. Sonst läuft der Antrag ins Leere.
  • Pflegegeld vergessen einzuteilen. Wer Pflegegeld bekommt, muss alle 3–6 Monate eine Pflegeberatung nach §37.3 SGB XI nachweisen — sonst wird das Geld gekürzt.

Pflegegrad zu beantragen ist nicht kompliziert, wenn man weiß, worauf es ankommt. Was es braucht, ist ein bisschen Vorbereitung — und im Zweifel jemanden, der das System schon kennt. Wir helfen gerne.

Geschrieben von
SB
Susanna Bauer
Pflegedienstleitung
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