
Die meisten Stürze in der häuslichen Pflege passieren nicht auf der Treppe. Sie passieren auf dem Weg vom Bett zur Toilette, nachts, barfuß, im Halbdunkel, auf den zwei Metern zwischen Bettkante und Türrahmen. Wer die Wohnung eines Angehörigen sturzsicherer machen will, fängt deshalb am besten nicht im Bad an, sondern an dieser Strecke.
Das ist die gute Nachricht an einem unangenehmen Thema: Die wirksamsten Maßnahmen sind klein, billig und an einem Nachmittag erledigt.
Warum Stürze so viel Schaden anrichten
Ein Sturz ist selten nur ein Sturz. Er ist der Beginn einer Kette: Krankenhaus, Operation, zwei Wochen Liegen, Muskelabbau, Unsicherheit beim Aufstehen, weniger Bewegung — und daraus ein deutlich höheres Risiko für den nächsten Sturz. Viele Pflegeverläufe, die wir begleiten, beginnen genau an diesem Punkt.
Der zweite Schaden ist der, über den niemand spricht: die Angst. Wer einmal gestürzt ist, bewegt sich vorsichtiger, geht weniger raus, meidet die Treppe. Das fühlt sich nach Vernunft an, ist aber der schnellste Weg zu schwächeren Beinen und schlechterem Gleichgewicht. Sturzprophylaxe heißt deshalb ausdrücklich nicht, jemanden ruhigzustellen. Sie heißt, das Gehen sicher genug zu machen, dass es weitergehen kann.
Die drei Maßnahmen mit dem besten Verhältnis von Aufwand und Wirkung
Loses weg. Läufer, Brücken, Badvorleger, lose Kabel, die Fußmatte im Flur. Teppichkanten sind die häufigste Stolperquelle in Wohnungen, in denen jemand nicht mehr sicher die Füße hebt. Entweder ganz raus oder rundum verkleben — halbe Lösungen mit Antirutschmatte darunter lösen sich nach ein paar Wochen wieder.
Licht hin. Ein Bewegungsmelder mit warmem, gedämpftem Licht auf halber Höhe entlang der Nachtstrecke. Nicht die Deckenlampe: Die blendet beim Aufstehen so stark, dass die Augen sekundenlang nichts sehen — genau in dem Moment, in dem der Kreislauf ohnehin absackt. Steckdosenlichter mit Dämmerungssensor kosten wenige Euro und wirken sofort.
Haltegriff dran. Neben der Toilette, in der Dusche, an der Bettkante. Wichtig ist die Montage in der Wand, nicht mit Saugnäpfen. Für fest montierte Griffe und andere bauliche Anpassungen zahlt die Pflegekasse einen Zuschuss für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen. Saugnapfgriffe lösen sich unter Last und geben ein trügerisches Sicherheitsgefühl — das ist schlimmer als kein Griff.
Was oft übersehen wird
Drei Faktoren wirken stärker als die Wohnung, kommen aber in kaum einer Wohnungsberatung vor.
Die Medikamentenliste. Schlafmittel, Beruhigungsmittel, entwässernde und blutdrucksenkende Mittel erhöhen die Sturzgefahr, besonders in Kombination und besonders nachts. Wer mehrere Präparate von mehreren Ärzten bekommt, sollte die vollständige Liste einmal beim Hausarzt auf den Tisch legen und ausdrücklich nach dem Sturzrisiko fragen. Das ist kein Grund, etwas eigenmächtig abzusetzen — aber ein sehr guter Grund, danach zu fragen.
Die Füße. Ausgetretene Filzpantoffeln ohne Fersenhalt sind in der häuslichen Pflege ein echtes Risiko. Feste Hausschuhe mit geschlossener Ferse und rutschfester Sohle sind eine der billigsten wirksamen Maßnahmen überhaupt. Ebenso wichtig: gepflegte Fußnägel und behandelte Druckstellen, weil Schmerzen den Gang verändern.
Die Augen. Eine Brillenstärke, die zwei Jahre alt ist, oder eine Gleitsichtbrille auf der Treppe verzerren die Wahrnehmung von Stufenkanten erheblich. Ein Termin beim Augenarzt gehört in jede Sturzprophylaxe.
Bewegung ist die eigentliche Prophylaxe
Alles bisher Genannte macht die Umgebung sicherer. Sicher gehen muss der Mensch aber selbst — und das hängt an Kraft und Gleichgewicht, nicht an der Wohnung.
Der Unterschied ist im Alltag gut zu sehen: Wer sich beim Aufstehen aus dem Sessel mit beiden Armen hochdrückt und dann kurz steht, bevor er losgeht, hat bereits ein Kraftdefizit in den Oberschenkeln und eine Kreislaufreaktion, die beide trainierbar sind. Aufstehen und Hinsetzen, mehrmals hintereinander, an der Küchenzeile abgestützt: Das ist unspektakulär und wirkt. Physiotherapie ist verordnungsfähig, und viele Sportvereine und Volkshochschulen bieten Sturzpräventionskurse an, deren Kosten Krankenkassen häufig bezuschussen.
Der Rundgang durch die Wohnung
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Wenn doch etwas passiert
Zwei Dinge sollten vorher geklärt sein. Erstens: Wie kommt Hilfe in die Wohnung, wenn niemand öffnen kann? Ein Schlüsselkasten oder ein Schlüssel bei Nachbarn löst das. Zweitens: Wie wird Hilfe gerufen, wenn das Telefon auf dem Tisch liegt und die Person am Boden? Dafür gibt es den Hausnotruf, den die Pflegekasse bezuschusst.
Und ganz praktisch: Nach einem Sturz nicht sofort hochziehen. Erst fragen, ob es irgendwo weh tut und ob sich alles bewegen lässt. Bei Verdacht auf einen Bruch — vor allem bei verkürztem, nach außen gedrehtem Bein — nicht bewegen, zudecken und den Rettungsdienst rufen.
Wenn sich zeigt, dass der Hilfebedarf insgesamt gestiegen ist, kann ein Antrag auf einen höheren Pflegegrad sinnvoll sein; ein Pflegetagebuch hilft, den tatsächlichen Aufwand zu belegen. Und wenn die Versorgung zu Hause an ihre Grenze kommt, lohnt der ehrliche Blick darauf, wann ein ambulanter Pflegedienst sinnvoll wird.
Häufige Fragen zur Sturzprophylaxe
Ab wann ist jemand sturzgefährdet?
Zahlt die Pflegekasse Haltegriffe?
Ist ein Rollator nicht eher ein Sturzrisiko?
Helfen Hüftprotektoren?
Sollte man nachts lieber liegen bleiben statt aufzustehen?
Was kann ein Pflegedienst dabei tun?
Kurz gesagt
Sturzprophylaxe ist keine Frage teurer Umbauten. Sie ist eine Frage von zwanzig ehrlichen Minuten Rundgang, einem Gespräch über Medikamente und der Bereitschaft, Bewegung zuzulassen statt sie aus Sorge einzuschränken. Der Rest ist Handwerk.
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